Der darmsensible Säugling und die Bedeutung der Ernährung
6. December 2007
von Dr. oec. troph. Claudia Laupert-Deick, Bonn
Verdauungsprobleme wie Blähungen und Koliken gehören zu den häufigsten Beschwerden von Säuglingen in den ersten drei Lebensmonaten. Nach derzeitigem Wissen liegt die Prävalenz der Säuglingskolik bei gestillten wie auch bei Formulaernährten Säuglingen zwischen 10 und 40%. Diese Kinder, die aufgrund der Schmerzen ungewöhnlich viel schreien, werden auch als “Schreibabys” bezeichnet.
Die Ursachen für Blähungen und Koliken im Säuglingsalter sind vielfältig und schwer zu diagnostizieren. Verunsicherte Eltern stellen das optimale Gedeihen ihres Kindes beim Kinderarzt in Frage und suchen nach Ansätzen zur Lösung des Problems. Die nervliche Anspannung, Schlafmangel und Überforderung können für Eltern eine große Belastung darstellen.
Extreme Ernährungsumstellung nach Abnabelung
Die Abnabelung ist eine Ernährungsumstellung mit weit reichenden Folgen. Während der Fetus über die Plazenta parenteral durch einen kontinuierlichen Zustrom an niedermolekularen Nährstoffen versorgt wurde, erhält das Neugeborene abrupt über die Milchnahrung enteral und intermittierend makromolekulare Nährstoffe, die nur über aktives Saugen aufzunehmen sind. Unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten ist dies die stärkste eingreifende Veränderung in der Ernährung, die ein gesunder Mansch während seines Lebens erfährt.
Die Entwicklung der Verdauung
Saugen, Schlucken und gleichzeitiges Atmen stellen einen komplizierten Bewegungsablauf dar, der ein koordiniertes Zusammenspiel von motorischen und sensiblen Nerven erfordert. Der Säugling schluckt nach fünf bis sechs Saugbewegungen und atmet alle zwei Sekunden durch die Nase.
Verschiedene verdauungsphysiologische Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit das Überleben des neugeborenen gesichert ist. Während der Fetalphase müssen sich die verdauungsphysiologischen Funktionen so weit entwickelt haben, dass das Neugeborene die aufgenommenen makromolekularen Nährstoffe spalten und anschließend resorbieren kann. Die Verstoffwechselung der Nährstoffe sowie die Ausscheidung der Endprodukte müssen in Gang gebracht werden.
Chemische Verdauungsprozesse
Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate sind Makromoleküle, welche die Mukosa aufgrund ihres hohen Molekulargewichts sowie der Wasserunlöslichkeit nicht durchdringen können. Der chemische Aufschluss der Nahrung erfolgt mit Hilfe zahlreicher Enzymsysteme, die beim Säugling noch nicht voll ausgereift sind.
Die Verdauung von Proteinen beginnt im Magen. Durch die Ausschüttung von Salzsäure (HCl) werden Pepsinogene in Pepsine umgewandelt. Ein Mangel an Salzsäure geht mit einem höheren pH-Wert einher und kann zu einer eingeschränkten Proteinverdauung fürhren. Der Säugling erreicht erst mit eineinhalb Jahren eine HCl Sekretion, die der eines Erwachsenen entspricht. Für Trypsin und Chymotrypsin konnte keine Einschränkung der Enzymfunktion beim Säugling festgestellt werden.
Die Verdauung von Kohlenhydraten beginnt im Mund. Das Enzym ?-Amylase spaltet Polysaccharide zu Oligo- und Disacchariden. Bei der Geburt ist die Aktivität der Speichelamylase noch gering. Auch die volle Leistungsfähigkeit der Pankreasamylase steigt erst nach dem sechsten Lebensmonat zur vollen Reife an. Im Bürstensaum sind die Funktionen der Maltaseglucoamylase und der Saccharase-Isomaltase beim Neugeborenen voll aktiv.
Die Laktaseaktivität hingegen erreicht erst zum Geburtstermin ihre volle Reife. Eine funktionelle Insuffizienz kann bis in den zweiten Lebensmonat andauern. In tieferen Darmabschnitten wird die Laktose von Darmbakterien aufgenommen und verstoffwechselt. Die hierbei gebildeten Darmgase (Kohlendioxid) können zu Symptomen wie Blähungen und Koliken führen.
Neugeborene und junge Säuglinge können Oligosaccharide (z.B. Maltodextrin) spalten. Stärke kann nur in vorgekochter Form verdaut werden. Im Falle einer Laktaseinsuffizienz reift die Laktase bei Ernährung mit laktosehaltiger Nahrung nach.
Die Aktivität der Magenlipase lässt sich etwa ab der 11. Schwangerschaftswoche nachweisen und erreicht die Funktionsfähigkeit eines Erwachsenen etwa im dritten Lebensmonat. Die noch nicht ausgereifte Aktivität der Pankreaslipase wird durch die Muttermilch-Lipase unterstützt.
Mögliche Ursachen für Blähungen
- Nahrungszufuhr der Mutter: neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum von landläufig als blähend bewerteten Speisen durch die Mutter und Verdauungsprobleme beim gestillten Säugling gibt. Ein Widerspruch ergibt sich aus den Aussagen der Mütter, welche die Erfahrung machen, dass das Kind nach dem Verzehr bestimmter Speisen verstärkt unter Blähungen leidet. In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, dass die stillende Mutter diese Lebensmittel meidet.
- Eine Kuhmilch-Eiweiß-Allergie kann zu schweren Koliken oder hartnäckiger Opstipation führen. Diese liegt jedoch nur bei 2% der deutschen Bevölkerung im Kindesalter vor. Eine verminderte Laktaseaktivität führt zu einer vermehrten Gasbildung im Kolon und kann damit die Ursache für Blähungen und Koliken sein.
- Fütterungsgewohnheiten: Eine waagrechte Fütterungsposition, das Auslassen des Bäuerchens sowie sehr kleine Abstände zwischen den Mahlzeiten können bei darmsensiblen Säuglingen zu Beschwerden führen.
- Überstimulation, z.B. dass die Eltern nicht aufhören mit dem Kind zu spielen, obwohl es Unlust zeigt.
In der Regel sind die Ursachen für Blähungen nicht klar zuzuordnen, da sie häufig multifaktoriell sind, so dass eine gezielte Behandlung nicht möglich ist.
Ernährungsempfehlungen
1. Das Kind sollte während des Trinkens pausen einlegen und erst nach dem Aufstoßen weiter trinken.
2. Der Bauch muss während des Trinkens immer tiefer liegen als der Kopf, damit Luft aus dem Magen aufsteigen kann.
3. Beim Einsatz einer Flaschennahrung sind die Mengenangaben der Hersteller unbedingt einzuhalten.
4. Die Flasche sollte nach dem Aufrühren oder Schütteln einen Moment ruhig stehen, damit sich Luftbläschen in der Milch wieder auflösen.
5. Das Bäuerchen nicht vergessen.
6. Eine regelmäßige Fütterung stellt sicher, dass der Säugling nicht ausgehungert ist und zu hastig trinkt. Zu kurze Fütterungsabstände (<2 Stunden) belasten allerdings die Verdauung.
7. Eine Brust sollte immer erst vollständig leer getrunken werden, bevor die Brust gewechselt wird, da die zusammensetzung der fließenden Milch sich verändert.
8. Beobachten Mütter nach dem Verzehr bestimmter Speisen wiederholt Blähungen bei ihrem Säugling, sollten sie diese Lebensmittel meiden.
9. Bei stillenden Müttern können schnelles Essen, schlechtes Kauen sowie der Verzehr kohlensäurehaltiger Getränke die Ursache für Blähungen sein.
10. Mittlerweile gibt es auf dem Markt Säuglingsnahrungen, die Linderung zeigen. Der Einsatz von Spezialnahrungen für Darmsensible Säuglinge ist deshalb im Ausnahmefall zu erwägen.
Dr. oec. troph. Claudia Laupert-Deick, studierte und promovierte im Fachbereich Ernährungswissenschaften in Bonn. In ihrer Tätigkeit als Ernährungsberaterin arbeitet sie seit 1992 in interdisziplinären Teams mit Ärzten, Psychologen und Sporttherapeuten. Seit 1996 hat sie als Dozentin, Referentin und freie Autorin zahlreiche Projekte und Vorträge im Bereich der Säuglings-, Kinder- und Jugendernährung begleitet.